Zwischen Wien und der Muttersprache: Wie der slowenische poetische Modernismus entstand
Der Modernismus ist nicht nur eine literarische Strömung, sondern eine groß angelegte Reaktion auf das Veraltete, geboren in einer Welt des Übergangs vom Dorf zur Industriestadt, geprägt von zerrüttenden sozio-politischen Veränderungen. In einem Interview mit Vladislav Hristov analysiert Lyudmil Dimitrov, wie diese Veränderungen nicht nur den Alltag, sondern die Ästhetik der europäischen Kultur selbst transformieren.
Laut Dimitrov erscheint der Modernismus als „gleicher Startpunkt“ für verschiedene Nationen, indem er ihnen ein gemeinsames fiktionales Abenteuer bietet, das die Kunst bereichert. Er betont, dass der Modernismus, obwohl er kürzer andauert als die Renaissance oder die Romantik, eine mächtige Kraft ist, die literarische Normen und Stile transformiert.
Im Gespräch wird auch die Definition des Genres erörtert. Dimitrov behauptet, dass „reine Genres“ eher ein virtuelles Konzept sind und jedes Werk hybrid und eklektisch ist. Er zieht zudem eine wichtige Unterscheidung zwischen Symbolismus und Avantgarde: Während der Symbolismus ein „Pufferfeld“ der Romantik ist, das sich auf Introvertiertheit und mystische Einsicht konzentriert, ist die Avantgarde politisch engagiert und straßenorientiert.
Besonderes Augenmerk wird auf den slowenischen Kontext gelegt. Die spezifische Identität der Slowenen formte sich innerhalb der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, in der der kulturelle Einfluss überwiegend deutschsprachig war. Dimitrov merkt an, dass die großen slowenischen Klassiker Absolventen Wiens waren, aber die bewusste Entscheidung von Schriftstellern wie France Prešeren, in ihrer Muttersprache zu schreiben, war entscheidend für den Aufbau des nationalen literarischen Kanons und des ästhetischen Profils der Nation.


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